Gewaltfreiheit: erfolgreich gegen Tyrannen!

Warum Gewaltfreiheit auch unter schwierigsten Bedingungen erfolgreich sein kann

Zusammenfassung der Studie

Chenoweth, Erica; Stephan, Maria J.: Why civil resistance works: the strategic logic of nonviolent conflict, New York, 2011
Aktualisierung:
Chenowth, Erica: How the world is proving Martin Luther King right about nonviolence, The Washington Post 18.1.2016

Die US Wissenschaftlerinnen Chenoweth und Stephan haben in einer Datenbank alle Aufstände der Jahre 1900 bis 2006 (und aktualisiert bis 2015) weltweit erfasst, die das Ziel hatten, ein Regime zu stürzen, eine ausländische Besatzung zu beenden oder sich abzuspalten (Sezession). Berücksichtigt wurden also nur Aufstände mit weitreichenden Zielen.

Die Ergebnisse stellen gängige Urteile zu Gewaltlosigkeit in Frage.

Beachtlich ist die hohe Zahl an gewaltlosen Aufständen: von 459 Aufstände im Zeitraum 1900 bis 2015 waren 224, also fast die Hälfte gewaltlos. Als gewaltlos werden Bewegungen charakterisiert, die ihre Macht vor allem mit gewaltfreien, sozialen Mitteln des Widerstandes wie Demonstrationen, Streiks, Boykotts, Ziviler Ungehorsam etc. entfalteten.

 Die Zahl der gewaltlosen Aufstände ist in diesem Zeitraum beeindruckend gestiegen: Noch nie hat es so viele gewaltlose Aufstände gegeben wie in den letzten Jahren:

Entgegen der Annahme, dass Gewalt in politischer Auseinandersetzung das machtvollere Mittel ist, zeigt die Auswertung, dass gewaltlose Aufstände erfolgreicher ihre Ziele durchsetzen konnten als bewaffnete. Die Erfolgsrate gewaltloser Bewegungen liegt bei über 50 % und ist fast doppelt so groß wie bei militärischen. Die bewaffneten Aufstände scheiterten fast dreimal häufiger als die gewaltlosen:


Die Aktualisierung bis 2015 zeigt allerdings auch, dass zwar die Zahl der gewaltlosen Aufstände zugenommen, die Erfolge aber seit 2000 abgenommen haben:

Eine verbreitete Annahme ist, dass gewaltfreie Aufstände vor allem erfolgreich sind, wenn die Bewegung es mit einem Gegner zu tun hat, der keine brutale Repression einsetzt.

Aber auch wenn nur die Aufstände betrachtet werden, bei denen der Staat gewaltsam die Bewegung zu zerschlagen versuchte, ändert das nicht den Erfolgsvorteil der gewaltfreien Bewegung:

Erfolg von 84 gewaltlosen Aufständevon 1900 bis 2006, die mit massiver staatlicher Repressionkonfrontiert waren:

Besonders augenfällig ist der Erfolgsvorteil gewaltloser Bewegungen in Situationen, in denen sowohl bewaffnete als auch gewaltlose Bewegungen Widerstand leisteten:

  • Osttimor – Widerstand gegen die indonesische Besatzung: Der militärische Widerstand wird in den 80er Jahren weitgehend zerschlagen. Einer mit gewaltlosen Mitteln agierenden Bürgerbewegung gelingt es ab Ende der 80er und in den 90er Jahren internationale Unterstützung zu gewinnen und ein erfolgreiches Unabhängigkeitsreferendum durchzusetzen.

  • Philippinen – Widerstand gegen Diktatur Marcos: maoistische und islamische Guerillagruppen scheitern in den 70er Jahren. Mitte der 80er Jahre erzwingt ein gewaltloser Volksaufstand den Rücktritt des Diktators und freie Wahlen.

  • Iran – Sturz des Schahs: Islamische und kommunistische Guerillaeinheiten scheiterten, während ein islamischer Volksaufstand 1979 die Herrschaft des Schahs beendete.

Warum sind gewaltfreie Aufstände erfolgreich?

Die Schwelle sich an gewaltlosen Aktionen zu beteiligen ist geringer, als sich einer bewaffneten Bewegung anzuschließen. Im Durchschnitt haben gewaltlose Bewegungen viermal mehr Teilnehmer*innen als militärische Aufstände. Die 25 größten Aufstandsbewegungen waren zu 80 % gewaltlos, und diese wiederum waren zu 70% erfolgreich.

Die hohe Partizipation in Kombination mit dem moralischen Vorteil der Gewaltlosigkeit bietet der Bewegung eine Menge taktischer Vorteile:

  • Häufig existiert ein sozial gut verankertes Graswurzelnetzwerk (z.B. unter dem Schutz von Kirchen, Moscheen oder Gewerkschaften), das resilient gegenüber Repression ist.

  • Vielfältige, große Bewegungen haben mehr kreatives Potential zur taktischen Flexibilität und bei der Erfindung von neuen Aktionsformen. Die Möglichkeit zwischen dezentralen und zentralen Formen des Protestes wechseln zu können, ist wichtig für Bewegungen, um auch unter repressiven Bedingungen sichtbar bleiben zu können.

  • Empörung und Solidarität tragen dazu bei, dass Widerstandsbewegungen auch durch brutale Repression nicht geschwächt sondern stärker werden – ein Mechanismus der mit dem Begriff ‚Backfire‚ bezeichnet wird. Bewegungen, die einen guten Zusammenhalt haben, können auch gegen massive Repression erfolgreich sein.

  • Große Bewegungen haben mehr Einwirkungsmöglichkeiten auf die sozialen Gruppen, die die Säulen der Macht (von den Medien bis zum Militär) bilden. Wenn diese Gruppen sich aufgrund des sozialen Drucks neutral verhalten oder zur Opposition überlaufen, ist das Ende der Herrschaft eingeleitet.

Warum hat die Erfolgsrate der gewaltlosen Aufstände in den letzten Jahren abgenommen?

  • Möglicherweise haben die Herrschenden gelernt, die gewaltlosen Massenbewegungen als ernste Bedrohung wahrzunehmen, und reagieren frühzeitiger und geschickter.

  • Möglicherweise haben soziale Bewegungen aus den Erfolgen die falsche Schlussfolgerung gezogen, dass sich ein Regime allein durch einige Wochen großer Demonstrationen stürzen ließe und daher den nachhaltigen Aufbau der Widerstandsbewegung und -strategie vernachlässigt.

Gewaltlose Bewegungen sind nicht nur erfolgreicher, wenn es darum geht die Machtfrage zu entscheiden, sie fördern auch demokratische Entwicklungen und sozialen Frieden. (Alle folgenden Zahlen beziehen sich auf die Auswertung 1900 – 2006.)

Fünf Jahre nach einem Umsturz finden sich in 57 % der erfolgreichen gewaltlosen Bewegungen demokratische Verhältnisse, im Gegensatz zu 6 % bei den bewaffneten Aufständen. Beachtenswert ist, dass sogar gescheiterte gewaltlose Aufstände eine positive Wirkung auf die Demokratisierung hatten (35 % Demokratie 5 Jahre später).

Auch zeigt der Datensatz, dass die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkrieges in den 10 Jahren nach einem erfolgreichen Aufstand bei den bewaffneten 50 % höher liegt als bei den gewaltlosen.

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Ich biete Vorträge und eine Powerpoint-Präsentation zur Studie von Chenoweth und Stephan an:

Der Vortrag von Jan Stehn im Proseminar „Soziale Bewegungen im internationalen Vergleich“ am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin war eine große Bereicherung für die SeminarteilnehmerInnen. Sowohl die vielfältigen und detailreichen Informationen über das Themenfeld als auch die die Art der Präsentation waren in höchstem Maße mitreißend und  anregend. Im Anschluss an die Präsentation entwickelte sich eine intensive Diskussion, an der sich fast alle Studierenden beteiligten.

PD Dr. Heike Walk
Geschäftsführerin
Managing Director
Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU)
Environmental Policy Research Centre
Freie Universität Berlin, 17.8.2016

Jan Stehn, maja@jpberlin.de, 0170 – 848 76 20